Eine neue Freundin

 
 
 

In den Filmen von François Ozon kann der erste Eindruck mitunter täuschen. „Eine neue Freundin“ ist da keine Ausnahme. Die Geschichte wirkt daher am besten, wenn man möglichst wenig im Vorfeld über sie weiß. Fest steht, dass man bei Ozon immer kunstvoll bebildertes Kino mit verspielten Genre- und Perspektivwechseln erwarten darf. Sein treues Stammpublikum wird er auch dieses Mal nicht enttäuschen. Und wer nur von der Besetzung um Hauptdarsteller Romain Duris angelockt wird, dürfte so manche Überraschung erleben.

Für Claire (Anaïs Demoustier), die gerade auf der Beerdigung ihrer besten Freundin Laura spricht, ist jedes Wort ihrer mit zitternder Stimme vorgetragenen Trauerrede ein schmerzhafter Kampf. Mit sich, den vielen Erinnerungen und dem unabänderlichen Abschied. Noch zu Lebzeiten hat sie Laura versprochen, sich nach ihrem Tod um die kleine Tochter und Ehemann David (Romain Duris) zu kümmern. Für beide da zu sein so wie sie auch immer für Laura da war. Was die Konsequenzen dieses Versprechens sind, ahnen zu diesem Zeitpunkt weder Claire noch der Zuschauer. Allein der Gedanke, dass man hier einen Film von François Ozon sieht, mag bereits zu diesem Zeitpunkt ganz bestimmte Erwartungen wecken. Als Claire David und dessen Tochter wenige Wochen nach der Beerdigung einen spontanen Besuch abstatten möchte, merkt sie, dass die Eingangstür des prachtvollen Hauses nicht verschlossen ist. Sie tritt daraufhin in das Wohnzimmer, wo eine blonde, adrett gekleidete Frau mit dem Rücken zu ihr auf dem Sofa Platz genommen hat.
 
Was folgt, ist die erste Überraschung. Erschrocken dreht sich die Frau, die keine ist, um. Es ist David – in Frauenkleidern, geschminkt und mit sorgsam frisierter Perücke. Ozon inszeniert die Szene, welche gleich zu Beginn ein Schlüsselmoment ist, mit einer Mischung aus Suspense – Hitchcocks „Psycho“ lässt grüßen – und befreiender Komik. Weil Lachen bekanntlich entspannt, ist diese Reaktion ohnehin die Naheliegende. Claire ist verwirrt, irritiert und insgeheim auch fasziniert. Damit scheint der Weg, den Ozon mit „Eine neue Freundin“ einschlägt, vorgezeichnet. Tatsächlich sind Einstellungen und Wahrnehmungen hier immer im Wandel begriffen. So soll sich nicht nur Claires Meinung über den „neuen“ David ändern. Auch der Zuschauer wird von Ozon mehrfach dazu aufgefordert, seine Haltung über Personen, Rollenbilder und das Verhältnis der Geschlechter zu überdenken. Besonders bemerkenswert ist, wie unverkrampft und selbstverständlich die Kamera recht bald auf David und dessen Alter Ego Virginia blickt. An die Stelle langer Erklärungen für seinen Wunsch, Frauenkleider zu tragen, stellt der Film die Akzeptanz von Vielfalt. Was letztlich der Grund für Davids Faible ist – so die klare Botschaft –, ist vollkommen unerheblich.
 
Auch wenn sich die Geschichte spätestens zum Finale aus der Wirklichkeit verabschiedet, erscheint „Eine neue Freundin“ weniger verspielt und genrebewusst als Ozons letzte Arbeiten. Gleichzeitig wirkt manches auf eine subtile Art der Realität entrückt. Das großbürgerliche Milieu, in dem viele seiner Arbeiten situiert sind, sorgt für eine scheinbare Normalität, die David/Virginia immer öfter zusammen mit Claire verlässt. Die Frage der sexuellen Orientierung drängt sich auf, wenn beide – David verkleidet als Frau – plötzlich auch eine körperliche Anziehung füreinander entwickeln. Ist Claire vielleicht bisexuell? Oder wie sind Davids Blicke in Richtung von Claires Mann Gilles zu interpretieren, aus denen mindestens einmal homoerotische Fantasien folgen? Ozon vermeidet es, sich hier auf Naheliegendes festzulegen. Stattdessen lässt er den Zuschauer lieber über solche und andere Gender-Fragen grübeln. Wenn Claire ihren Mann und David unter Dusche beobachtet, dann sieht sie zunächst das, was sie sehen will.
 
In „Eine neue Freundin“ finden sich viele von Ozons Themen, die er in seinen früheren Kinofilmen mit einem meist verspielten, gelegentlich aber auch ernsten Unterton verhandelte. Das Überschreiten von Genregrenzen gehört ebenso zu seiner Handschrift wie das Spiel mit Perspektiven, Wahrnehmungen und der Anlehnung an das „queer cinema“. Auch bei der Auswahl seiner Schauspieler bewies Ozon in der Vergangenheit meist viel Gespür. Romain Duris – bislang der Frauenschwarm in romantischen Komödien – gelingt in dieser geschlechterübergreifenden Rolle ein grandioser Imagewechsel. Dass ihm der doppelte Auftritt als David und Virginia viel Freude bereitet hat, glaubt man ihm sofort. Er dürfte damit nicht nur bei Claire für Staunen und Verwirrung sorgen. Eine angenehme Verunsicherung wie sie in „Eine neue Freundin“ zu spüren ist, würde man sich öfters im heutigen Kino wünschen.

F 2014
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon nach dem Roman von Ruth Rendell
Darsteller: Romain Duris, Anaïs Demoustier, Raphael Personnaz, Isild Le Besco, Aurore Clément
Lauzeit: 105 Minuten